Von Island lernen

SOAK – Rituals of Coll­ec­tive Belon­ging

Wenn über Schwimm­bäder gespro­chen wird, geht es meist um Becken­größen, Wasser­auf­be­rei­tung, Ener­gie­kon­zepte oder Betriebs­kosten. Manchmal um Archi­tektur. Fast nie aber um das, was zwischen den Menschen passiert.

Genau dort setzt der islän­di­sche Beitrag zur 20. Archi­tek­tur­bi­en­nale in Venedig an.

Warum Schwimm­bäder mehr sind als Schwimm­bäder

Unter dem Titel SOAK – Rituals of Coll­ec­tive Belon­ging beschäf­tigt sich der Pavillon nicht mit spek­ta­ku­lären Bauformen oder visio­nären Konstruk­tionen. Statt­dessen rückt er eine alltäg­liche Frage in den Mittel­punkt: Warum gehören öffent­liche Schwimm­bäder zu den wenigen Orten, an denen sich Menschen noch selbst­ver­ständ­lich begegnen?

Die Antwort über­rascht, weil sie so einfach ist.

Eine Lektion aus Island

Im Wasser spielen Herkunft, Beruf, Einkommen oder gesell­schaft­li­cher Status plötz­lich kaum noch eine Rolle. Bade­hose und Bade­anzug ersetzen Uniformen und Anzüge. Kinder plan­schen neben Rent­nern, Leis­tungs­sportler sitzen neben Touristen im Whirl­pool, Nach­barn kommen ins Gespräch, obwohl sie sich seit Jahren nur vom Vorbei­fahren kennen. Schwimm­bäder schaffen Begeg­nungen, ohne sie zu erzwingen.

Genau deshalb versteht der islän­di­sche Pavillon das Bad nicht als Frei­zeit­an­lage, sondern als soziale Infra­struktur.

Wenn Archi­tektur Menschen verbindet

Nicht jedes archi­tek­to­ni­sche State­ment braucht ein spek­ta­ku­läres Gebäude. Manchmal genügt ein Becken mit warmem Wasser.

Mit SOAK – Rituals of Coll­ec­tive Belon­ging präsen­tiert Island auf der 20. Inter­na­tio­nalen Archi­tek­tur­aus­stel­lung der Bien­nale di Venezia einen Beitrag, der den Blick weniger auf Archi­tektur als Objekt richtet als auf ihre gesell­schaft­liche Wirkung. Im Mittel­punkt steht die islän­di­sche Bade­kultur – und damit eine Infra­struktur, die seit Gene­ra­tionen Menschen zusam­men­bringt.

Wasser als öffent­li­cher Raum

SOAK stellt die Frage: Wie können Räume entstehen, in denen Menschen einander wieder begegnen?

Diese Frage erscheint aktu­eller denn je. Digi­ta­li­sie­rung, Home­of­fice und gesell­schaft­liche Pola­ri­sie­rung verän­dern die Art, wie Menschen mitein­ander leben. Öffent­liche Räume verlieren vieler­orts ihre selbst­ver­ständ­liche Rolle als Orte der Begeg­nung. Der islän­di­sche Pavillon versteht die geother­misch beheizte Schwimm­halle deshalb als Gegen­mo­dell – als demo­kra­ti­schen Raum, in dem soziale Unter­schiede für einen Moment in den Hinter­grund treten.

Wasser als soziale Infra­struktur

Kurator Marcos Zotes entwi­ckelte die Ausstel­lung gemeinsam mit seinen Part­nern von Basalt Archi­tects, dem Design­studio Gagarin sowie der Illus­tra­torin und Autorin Rán Flygen­ring. Gemeinsam unter­su­chen sie nicht die Archi­tektur einzelner Schwimm­bäder, sondern die Rituale, die dort täglich entstehen.

Wer einmal ein islän­di­sches Ther­malbad besucht hat, kennt diese beson­dere Atmo­sphäre. Fami­lien, Jugend­liche, Rentner, Touristen und Berufs­tä­tige teilen sich dieselben Becken, kommen mitein­ander ins Gespräch oder genießen einfach die gemein­same Ruhe. Bade­be­klei­dung ersetzt Status­sym­bole. Alter, Beruf oder gesell­schaft­liche Stel­lung verlieren an Bedeu­tung.

SOAK beschreibt diese Orte deshalb als soziale Infra­struktur – ebenso wichtig für das Funk­tio­nieren einer Gesell­schaft wie Straßen oder öffent­liche Verkehrs­mittel. Wasser wird zum Medium der Begeg­nung, Archi­tektur zum Rahmen für Gemein­schaft.

Die Botschaft

Für Plane­rinnen und Planer von Sport- und Frei­zeit­an­lagen dürfte genau dieser Perspek­tiv­wechsel beson­ders inter­es­sant sein.

Schwimm­bäder, Sport­hallen oder Sport­parks werden häufig über Kenn­zahlen beschrieben: Wasser­fläche, Besu­cher­zahlen, Ener­gie­ver­brauch oder Wett­kampf­taug­lich­keit. SOAK erin­nert daran, dass diese Gebäude immer auch gesell­schaft­liche Infra­struktur sind. Sie schaffen Orte, an denen Menschen unab­hängig von Herkunft, Alter oder Einkommen zusam­men­kommen.

Damit knüpft der islän­di­sche Pavillon unmit­telbar an das Bien­nale-Motto „Do Archi­tec­ture – The Possi­bi­lity of Coexis­tence in the Face of Real Reality“ an. Archi­tektur wird hier nicht als spek­ta­ku­läres Objekt verstanden, sondern als Werk­zeug für ein besseres Zusam­men­leben.

Projekt­daten

(Links sind unter­stri­chen)

Planer

Basalt Archi­tects (Hrólfur Karl Cela, Marcos Zotes, Perla Dís Kris­t­ins­dóttir)

Gagarin (Kristín Eva Ólaf­sdóttir, Nils Wiberg)

Rán Flygen­ring

 

Kommis­sarin

Halla Helga­dóttir / Iceland Design and Archi­tec­ture

Kurator
Marcos Zotes
Ausstel­lung

8. Mai – 21. November 2027

Fotos

Basalt Archi­tects
Gagarin
Rán Flygen­ring

Text

Johannes Bühl­be­cker
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