Schwimmen auf der Seine
Annette K in Paris

Mit dem Badeschiff Annette K hat Paris nicht einfach ein Schwimmbecken auf das Wasser gesetzt. Am Port de Javel Bas entstand ein 110 Meter langes schwimmendes Sport‑, Gesundheits- und Freizeitgebäude, das ein 50-Meter-Becken mit Fitness, Physiotherapie, Wellness und Gastronomie verbindet. Die Seine wird dabei nicht bloß zur attraktiven Kulisse. Ihre Bewegung, ihr Licht und ihre besondere Stellung im Stadtraum bestimmen die Architektur des gesamten Hauses.
Ein Schiff als Sportzentrum
Annette K liegt im 15. Arrondissement am südwestlichen Rand des Pariser Zentrums, wenige Kilometer flussabwärts vom Eiffelturm. Das Projekt ging aus dem 2017 entschiedenen Wettbewerb „Réinventer la Seine“ hervor. Entworfen wurde es vom auf schwimmende Architektur spezialisierten Pariser Büro Seine Design unter Leitung von Gérard Ronzatti und Matthieu Ronzatti. Nach dem Baubeginn 2020 wurde die Anlage 2023 fertiggestellt. Auftraggeber und Betreiber ist Javel Entertainment.
Auf einer Fläche von rund 4.500 Quadratmetern versammelt das Badeschiff ein ungewöhnlich breites Programm: ein 50 Meter langes Freibad, Sonnendecks, Fitness- und Sporträume, Physiotherapie, Balneotherapie, Sauna, Umkleiden, Café, Restaurant und großzügige Terrassen. Der Bau soll damit nicht nur dem Training dienen, sondern Bewegung, Regeneration, Gesundheit und Geselligkeit über den gesamten Tagesverlauf miteinander verbinden. Die angegebenen Baukosten liegen bei 16 Millionen Euro.


Das Schwimmbecken als tragende Struktur
Die entscheidende architektonische Idee liegt in der Position des Schwimmbeckens. Es wurde nicht in den Rumpf des Schiffes eingelassen, sondern gleichsam auf das Gebäude gelegt.
Von außen wirkt die lang gestreckte Edelstahlwanne wie der umgedrehte Rumpf eines zweiten Schiffes, das auf dem eigentlichen Ponton ruht. Stahl, Holz und Glas verstärken diesen maritimen Charakter.
Das Becken ist dabei weit mehr als ein Behälter für Wasser. Seine Unterkonstruktion bildet zugleich das Tragwerk und die technische Infrastruktur der darunterliegenden Geschosse. Stützen, Leitungen, Kabel und Installationen bleiben weitgehend sichtbar; abgehängte Decken und zusätzliche Doppelböden konnten dadurch vermieden werden.
Die sonst oft verborgene Technik eines Schwimmbades wird zu einem prägenden Bestandteil der Innenräume.
Die Konstruktion musste nicht nur das erhebliche Gewicht des Wassers aufnehmen, sondern auch auf wechselnde Belastungen reagieren. Ein dynamisches Ballastsystem gleicht Bewegungen von Besuchern und technischen Anlagen aus. Über hydraulisch justierbare Elemente lässt sich die horizontale Lage des Edelstahlbeckens kontrollieren.
Gerade diese Verbindung von Schiffbau, Gebäudetechnik und Schwimmbadkonstruktion war ein Grund dafür, dass Annette K 2023 bei den französischen Trophées Eiffel de l’Architecture in der Kategorie „Dynamique“ ausgezeichnet wurde.
Schwimmen zwischen Stadt und Fluss
Zwei leichte, bogenförmige Überdachungen schützen die Endbereiche des Beckens und Teile der angrenzenden Terrassen. Dazwischen öffnet sich der Blick auf den Himmel, das Wasser und die Uferlandschaft. Rund um das obere Deck führt eine Laufbahn, die das Gebäude wie ein schmales Band umschließt und Ausblicke in alle Richtungen bietet. Das sportliche Programm setzt sich damit bis an die äußere Kante des Schiffes fort.
Auch in den unteren Ebenen bleibt das Wasser präsent. Bullaugen und verglaste Öffnungen lassen Tageslicht durch das Schwimmbecken in die darunterliegenden Räume fallen. Bewegungen der Schwimmer, Reflexe auf der Wasseroberfläche und das wechselnde Licht der Seine überlagern sich. Auf den Innenflächen entstehen flirrende Bilder, die das Büro selbst mit den Wasserstudien der Impressionisten in Verbindung bringt.


Offenheit ist Teil des Programms
Der Anspruch, Sport, Gesundheit und Alltag miteinander zu verbinden, zeigt sich auch in der Erschließung. Das Schwimmbecken ist von zahlreichen Bereichen des Gebäudes aus sichtbar und über unterschiedliche Wege erreichbar. Bei der Planung arbeitete Seine Design mit Fachleuten für Behinderten- und Inklusionssport zusammen. Zugänge, Bewegungsflächen und die Nutzung des Beckens sollten nicht nur formal barrierefrei, sondern für unterschiedliche körperliche Voraussetzungen tatsächlich praktikabel sein.
Diese Offenheit bezieht sich zugleich auf die Mischung der Nutzungen. Im selben Gebäude treffen sportlich ambitionierte Schwimmer auf Fitnessgäste, physiotherapeutische Patienten, Restaurantbesucher und Menschen, die lediglich Zeit am Wasser verbringen möchten. Annette K ist deshalb weder reines Schwimmbad noch klassisches Gesundheitszentrum und auch keine gewöhnliche Freizeitgastronomie. Gerade aus der Überlagerung dieser Angebote entsteht sein urbaner Charakter.

Pariser Tradition, neu interpretiert
Schwimmende Bäder haben in Paris eine lange Geschichte. Bereits seit dem 17. Jahrhundert gab es Badeanstalten auf der Seine. Ihr berühmtester Vertreter war die Piscine Deligny, ein 50-Meter-Bad mit Kabinen, Sonnendecks, Gastronomie und gesellschaftlichem Leben. Das zuletzt nahe der Place de la Concorde verankerte Bad sank 1993 innerhalb weniger Minuten und wurde nicht wieder aufgebaut. 2006 knüpfte das ebenfalls schwimmende Schwimmbad Joséphine Baker an diese Tradition an.
Annette K übernimmt von Deligny weniger die historische Architektur als vielmehr die Idee des Bades als gesellschaftlichem Ort. Das Schwimmen ist der Kern, aber nicht die einzige Daseinsberechtigung. Man trainiert, sonnt sich, isst, trifft andere Menschen oder betrachtet die Stadt vom Wasser aus. Der Name erinnert zudem an die australische Schwimmerin, Schauspielerin und Gesundheitsaktivistin Annette Kellerman, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts für sportliche Bewegungsfreiheit und eine praktischere Badebekleidung für Frauen eintrat.

Projektdaten
(Links sind unterstrichen)
Planer
Seine Design
Gérard Ronzatti, Matthieu Ronzatti
Port de la Rapée
F‑75012 Paris
Bauherr
Javel Entertainment
Eröffnung
2023
Adresse
Annette K Seine
Port de Javel Bas
F‑75015 Paris
Fotos
Seine Design
Text
Johannes Bühlbecker
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