Shenzhen Art High School
Schulhof als Stadion
Groß in der Geste, kompakt in der Fläche: Die Sportanlagen der Shenzhen Art High School werden nicht als Anhang verstanden, sondern als architektonischer Höhepunkt und öffentlich wahrnehmbares Zeichen im Stadtraum.
Mit schwebenden Sportanlagen auf dem Dach und vertikaler Campusorganisation entstand ein urbaner Schulbau, der sich deutlich von europäischen Maßstäben unterscheidet – und uns damit auf gute Ideen bringen könnte.
Der schwebende Sport
Mit der Shenzhen Art High School haben O‑OFFICE Architects im dicht bebauten Stadtteil Luohu ein außergewöhnliches Bildungs- und Sportgebäude gebaut, das ein Vorbild für den Umgang asiatischer Metropolen mit Flächenknappheit sein kann. Der 2025 fertiggestellte Campus mit rund 38.900 m² Bruttogrundfläche verbindet Unterricht, Wohnen und Sport in einer hochverdichteten, vertikal organisierten Struktur – und setzt damit einen markanten Kontrapunkt zu klassischen, horizontal ausgedehnten Schul- und Sportanlagen, wie sie in Europa in der Regel anzutreffen sind.
Das prägendste Element der Shenzhen Art High School ist die über den Unterrichtsgebäuden schwebende Sportebene. Für einen konventionellen Schulhof mit ebenerdigen Sportflächen war hier schlicht kein Platz. Die Planer reagierten darauf mit einer radikalen Umkehrung der typischen Campuslogik: Die Sportanlagen wurden nicht an den Rand gedrängt, sondern als identitätsstiftendes Element auf das Dach verlagert.
Auf dieser oberen Ebene befinden sich ein fast 300 Meter langer Rundkurs, eine 115 Meter lange Sprintstrecke und ein Spielfeld. Damit übertrifft die Anlage die Mindeststandards vieler innerstädtischer Schulen deutlich – auch im internationalen Vergleich. Während in europäischen Städten Sportflächen oft reduziert, fragmentiert oder ausgelagert werden, zeigt dieses Projekt, dass auch unter extremen städtebaulichen Bedingungen vollwertige Leichtathletik- und Freisportanlagen möglich sind, wenn sie konsequent dreidimensional gedacht werden.
Gleichzeitig fungiert das „schwebende Stadion“ als klimatisch wirksames Element: Wie ein weit auskragender Hut beschattet es die darunterliegenden Höfe und Fassaden und trägt so zur Reduktion des Energiebedarfs in Shenzhens subtropischem Klima bei.
Große Gesten
Die Shenzhen Art High School verdeutlicht einen grundlegenden Unterschied zwischen asiatischen und europäischen Bildungs- und Sportbauten. Während europäische Schul- und Sportanlagen traditionell auf großzügige Grundstücke, die klare Trennung von Funktionen und eine eher niedrige Bebauung setzen, reagieren asiatische Metropolen zunehmend mit hybriden, vertikal geschichteten Typologien auf die herrschende extreme Dichte.
Dabei entsteht eine neue Form von Maßstäblichkeit: groß in der Geste, kompakt in der Fläche. Die Sportanlage wird nicht als Anhang verstanden, sondern als architektonischer Höhepunkt und öffentlich wahrnehmbares Zeichen im Stadtraum. Die Dimensionierung der Laufbahnen, die Tragstruktur aus räumlichen Fachwerken und V‑förmigen Stahlstützen sowie die städtebauliche Präsenz der Anlage erinnern eher an ein Stadion als an einen Schulhof.
Freiräume in 3D
Inhaltlich ist die Sportebene eng mit dem umgebenden Grünraum verknüpft. Die Architekten verstehen den Campus als Erweiterung des nahegelegenen Weiling Parks und integrieren Vegetation auf allen Ebenen. So entsteht ein dreidimensionales Freiraumsystem aus abgesenkten Gärten, offenen Höfen und der „sky sports field“ genannten Dachlandschaft. Für die Nutzerinnen und Nutzer verschmelzen Bewegung, Landschaft und Architektur zu einem zusammenhängenden Raumerlebnis.
Über ihre schulische Funktion hinaus wird die Sportanlage Teil eines größeren urbanen Narrativs. O‑OFFICE beschreibt den Campus als „grünen Tempel“ – als spirituellen und öffentlichen Ort innerhalb einer hochgradig funktionalisierten Stadt. Gerade die Sportflächen spielen dabei eine zentrale Rolle: Sie sind offen, lichtdurchflutet und weithin sichtbar und verleihen dem Bildungsbau eine fast monumentale Präsenz, ohne dabei die menschliche Maßstäblichkeit zu verlieren.
Die Architektur des Übereinander
Durch vertikale Stapelung, strukturelle Innovation und großzügig dimensionierte Sportflächen entsteht ein Campus, der trotz extremer Dichte Offenheit, Bewegung und Aufenthaltsqualität bietet.
Im Vergleich zu europäischen Schul- und Sportanlagen markiert das Projekt einen Perspektivwechsel: weg von der Ausdehnung in die Fläche, hin zu einer kompakten, aber dennoch großzügigen Architektur des Übereinander – mit dem Sport als prägendem Herzstück des Campus.
Projektdaten
(Links sind unterstrichen)
Planer
O‑Office Architects
He Jianxiang, Jiang Ying, Chen Xiaolin, Wu Yifei, Shao An, Cai Xingqian, Wang Yue, Yang Jian, Zengwei, Wu Haoming
Bauherr
Stadt Shenzhen
Eröffnung
2025
Adresse
Shenzhen Art High school
Luohu District
Shenzhen City
Guangdong Province
China
Fotos
Wu Siming
Chao.Z
Text
Johannes Bühlbecker
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