Luft nach oben
Der Vertical Playground in Budapest
Planer
Studio Kraft
Bauherr
Ausstattung & Besonderheiten
- Lärchenholz, Okouméholz
- lackierte Stahlbauteile, profilierte Metalldächer, Stahlgitter
- Kletter- und Seilelemente, Seiltunnel, Treppen und Verbindungsstege, Röhrentelefon, erhöhte Aufenthalts- und Rückzugsbereiche
- Outdoor-Klassenzimmer
- Pflanzbereiche sowie Fassaden- und Gitterbegrünung mit Kletterpflanzen
Adressen
Vertical Playgarden, Bajza Utcai Általános Iskola
Bajza utca 49–51
H – 1062 Budapest
Eröffnung
2025
Fotos
Text
Johannes Bühlbecker
More Sports Media
Wo Fläche fehlt, bleibt die dritte Dimension: Studio KRAFT hat einen nur sechs Meter breiten Reststreifen der Bajza-Grundschule in Budapest in eine vielschichtige Spiel- und Lernlandschaft verwandelt. Baumhäuser, Kletterwege, Rückzugsorte und ein grünes Klassenzimmer ergänzen den bestehenden Sporthof, ohne ihm Fläche zu nehmen.
Ein Hof für alle
Mehr als 500 Kinder besuchen täglich die Bajza Utcai Általános Iskola im dicht bebauten 6. Bezirk von Budapest. Ihr Schulhof bot lange trotzdem nur eine einzige Antwort auf sehr unterschiedliche Bedürfnisse: eine große, mit Kunststoff belegte Sportfläche zwischen Schulgebäude und Schwimmhalle. Wer Ball spielen oder rennen wollte, fand Platz. Für freies Spiel, Gespräche, Rückzug, Naturerfahrung oder Unterricht im Freien gab es dagegen kaum Möglichkeiten.
Der Ausgangspunkt des Vertical Playgarden war deshalb weniger die Erneuerung des vorhandenen Sporthofs als seine Ergänzung. Die zentrale Fläche sollte weiterhin für Sport und Bewegung zur Verfügung stehen. Studio KRAFT suchte stattdessen nach Raum dort, wo zunächst keiner zu sein schien.
Gefunden wurde er zwischen Sporthof und Schwimmhalle: ein lediglich sechs Meter breiter Betriebsbereich mit technischen Funktionen und Zugang zur Heizanlage. Weil eine Erweiterung des Grundstücks ebenso ausgeschlossen war wie eine Bebauung des Sportfeldes, entwickelte sich aus diesem Reststreifen die Idee einer vertikalen Erweiterung.



Vom Elternimpuls zum Projekt
Die gestaffelte Sitzlandschaft übersetzt damit die soziale Funktion der Sauna nach außen
Die Entstehungsgeschichte des Vertical Playgarden ist ungewöhnlich persönlich. Architekt Ádám Pásztor (Studio KRAFT) kannte die Schule als Vater zweier Schülerinnen; auch seine Frau hatte sie besucht. Neben viel Positivem über die Schule begegnete ihm immer wieder die Kritik am wenig differenzierten Schulhof. Vor allem Kinder, die nicht permanent laufen oder Ball spielen wollten, hielten sich häufig am Rand auf oder verbrachten ihre Pausen gar nicht erst draußen.
2019 entstanden erste Skizzen für eine Erweiterung entlang der Schwimmhalle, unterstützt von Schulleitung und Bezirk. Die Kommune finanzierte die Planung und sagte die Realisierung zu.
Der Vertical Playgarden umfasst lediglich 215 m² Grundfläche.


Spielen in drei Dimensionen
Kleine, aufgeständerte Holzhäuser bilden das Grundmotiv. Sie sitzen auf unterschiedlichen Höhen und sind über Treppen, Brücken, Netze, Kletterelemente und einen Seiltunnel miteinander verbunden. Runde Öffnungen, unterschiedliche Raumhöhen und verschieden stark geschützte Bereiche erzeugen eine Folge von offenen und zurückgezogenen Orten. Ein Röhrentelefon ermöglicht sogar die Kommunikation zwischen Kindern auf den oberen Ebenen und denen am Boden.
Die Architekten beziehen sich dabei bewusst auf das Baumhaus und weniger auf die übliche Typologie eines Spielgeräts. Gerade dadurch entsteht der Eindruck einer kleinen Architektur innerhalb des Schulhofs. Das zeigt auch die Axonometrie sehr deutlich: Von der lebhaften Eingangszone steigt die Struktur entlang der Grundstücksgrenze schrittweise an und endet in einem ruhigeren, überdachten Gemeinschafts- und Lernbereich.
Die Vertikalität ist dabei keine formale Spielerei. Sie vervielfacht die nutzbaren Ebenen eines Grundstücksstreifens, der in der Fläche kaum Entwicklungsmöglichkeiten bot. Gleichzeitig bleibt der große Sporthof weitgehend unangetastet.


Rückzug mit Überblick
Eine besondere planerische Aufgabe lag im Verhältnis von Rückzug und Aufsicht. Die Kinder sollten Orte erhalten, die sich tatsächlich wie kleine Nischen und Verstecke anfühlen. Gleichzeitig müssen Pädagoginnen und Pädagogen den Spielbereich kontrollieren können.
Die Lösung ist eine durchgehende Erschließung entlang der Spielhäuser. Von dort und vom Sporthof bleiben die unterschiedlichen Ebenen weitgehend einsehbar, während Wände, Netze und Höhenversprünge auf Augenhöhe der Kinder geschützte Bereiche entstehen lassen. Die gesamte Konstruktion wurde als individuelles Spielgerät geplant, entsprechend den einschlägigen Sicherheitsanforderungen geprüft und schließlich TÜV-zertifiziert.
Damit erweitert sich auch das Nutzungsprogramm. Der Playgarden dient nicht nur den Pausen und der Nachmittagsbetreuung. Ein erhöhter, überdachter Bereich funktioniert als Outdoor-Klassenzimmer und Gemeinschaftsraum; außerdem wird die Anlage bei Ferien- und Sommerprogrammen genutzt.


Eine wachsende Struktur
Auch materiell grenzt sich das Projekt bewusst von einem standardisierten Spielplatz ab. Die Konstruktion besteht überwiegend aus Lärchen- und Okouméholz, ergänzt durch lackierte Stahlbauteile und wiederverwendbare Profilbleche als Dachdeckung. Stahlgitter übernehmen Absturzsicherung und Einfassung.
Diese Gitter sollen zugleich Teil der Begrünung werden. Efeu und Wilder Wein wachsen an der Konstruktion empor; Pflanzsubstrat wurde überall dort eingebracht, wo es die räumlichen Bedingungen erlaubten. Der vorhandene Baum wurde in die Anlage integriert. Aus der zunächst deutlich ablesbaren Holz-Stahl-Konstruktion soll so schrittweise eine begrünte Laube mitten im dichten Budapester Stadtgefüge entstehen.
Auch die begrenzte Lebensdauer wurde von Anfang an berücksichtigt. Studio KRAFT gibt für die Konstruktion einen geplanten Zeitraum von 15 bis 20 Jahren an. Bauteile und Materialien sind deshalb so gewählt, dass sie nach einem späteren Rückbau weiterverwendet oder recycelt werden können. Hintergrund ist auch die Möglichkeit, dass der Blockinnenbereich langfristig umfassender umgestaltet wird


Was wir hier lernen
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Flächenmangel kann zum Entwurfsparameter werden. Der Vertical Playgarden zeigt, dass selbst ein sechs Meter breiter technischer Restbereich zusätzliche Spiel‑, Aufenthalts- und Lernflächen aufnehmen kann, wenn Raum nicht nur zweidimensional betrachtet wird.
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Ein guter Schulhof braucht unterschiedliche Geschwindigkeiten. Neben Sport und Bewegung benötigen Kinder Orte zum Beobachten, Reden, Verstecken und Zurückziehen. Gerade in großen Schulen sollte die Freiraumplanung diese unterschiedlichen Bedürfnisse räumlich abbilden.
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Partizipation kann konkrete Entwurfsentscheidungen liefern. Die Wünsche der Kinder nach Kletterangeboten, Rückzugsorten und Grün sowie die Anforderungen der Lehrkräfte an Übersichtlichkeit und Sicherheit sind unmittelbar in die Struktur des Playgarden eingeflossen.
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Aufsicht und Rückzug schließen sich nicht aus. Durch Sichtbeziehungen, die begleitende Erschließung und unterschiedlich geschützte Räume entstehen Rückzugsmöglichkeiten für Kinder, ohne die notwendige Übersicht für das pädagogische Personal aufzugeben.